Podiumsdiskussion „Zwischen zwei Stühlen – Gott kann mehr als nur binär!“ vom 17. August 2022

v.l.n.r.: Iris Horstmann, Dr. Michael Szukaj, Prof. Dr. Judith Könemann, Felix Adrian Schäper, Jan Baumann – Foto CC: Bistumspressestelle Münster, Ann-Christin Ladermann

Im Rahmen der Münsteraner Pride Weeks 2022 hatte die Queergemeinde Münster zu einer Podiumsdiskussion am 17. August 2022 ins Pfarrheim der Gemeinde St. Josef Münster-Süd eingeladen, bei der unter dem Motto „Zwischen zwei Stühlen – Gott kann mehr als nur binär!“ die Haltung der römisch-katholischen Kirche zur Transgeschlechtlichkeit und zu transidenten Menschen kritisch beleuchtet wurde. Die Veranstaltung wurde sogar per Live-Stream des Bistums Münster übertragen und war bereits zuvor über eine Vielzahl an Medien angekündigt worden. So konnte dann auch eine erfreulich hohe Besucherzahl verzeichnet werden.

Unter fachkundiger Moderation von Jan Baumann stellten sich die Podiumsgäste – Iris Horstmann (Diversitätsbeauftragte des Bistum Münster), Prof. Dr. Judith Könemann (WWU, Lehrbeauftragte der Abteilung Religionspädagogik, Bildungs- und Genderforschung), Dr. med. Michael Szukaj (Psychiater, Psychotherapeut, Psychosomatiker und Fachberater für Transmenschen) und Felix Adrian Schäper (Transmann und Mitarbeiter der Transberatungsstelle T-I-MS e.V.) – den diversen Fachfragen, die der Queergemeinde wie auch dem interessierten Publikum auf den Nägeln brannten.

Zur großen Freude der Queergemeinde konnte zudem Herr Weihbischof em. Dieter Geerlings als Ehrengast begrüßt werden; er war gerne dieser Einladung nachgekommen und stand bereits mehrfach als Zelebrant der traditionellen Queergottesdienste zur Verfügung. 

Eingangs der Diskussionsrunde gab Herr Dr. Szukaj mit einem Impulsreferat einen Einblick in die Thematik und die einschlägigen Begrifflichkeiten rund um das Thema Transgeschlechtlichkeit. So bekamen auch mit diesem Bereich weniger vertraute Personen ein gutes und grundlegendes Verständnis dessen vermittelt, welche verschiedenen Aspekte die Transgeschlechtlichkeit und den Transitionsprozess ausmachen. Dabei bot Dr. Szukaj, der in seiner inzwischen gut 35-jährigen Tätigkeit rund 3.000 Menschen in diesem Zusammenhang behandelt hat, einen historischen Abriss der Bewertung von Transgeschlechtlichkeit aus medizinischer wie auch gesellschaftlicher Sicht: Beginnend mit dem bis dato vorherrschenden Ansatz der Einstufung von Transidentität als starke Persönlichkeitsstörung, entwickelte sich nach und nach eine zunehmend differenzierte Sicht auf dieses Phänomen, die auch durch das Inkrafttreten des so-genannten „Transsexuellengesetzes“ zum 01. Januar 1981 und der mit der Verabschiedung der Neufassung der WHO-Klassifikation von Erkrankungen (ICD-11) erfolgten Streichung von Transgeschlechtlichkeit aus der Liste der psychischen Erkrankungen gestützt wurde.

Zugleich wurde den Anwesenden ein einfühlsamer Zugang zur Gedanken- und Gefühlswelt sowie zum Leidensdruck verschafft, dem sich Transmenschen aufgrund der Diskrepanz zwischen ihrem (rein) biologischen Geschlecht und der eigenen erlebten Geschlechtsidentität meist schon seit frühester Kindheit ausgesetzt sehen. Somit stellte sich aber auch die Frage nach einer sehr früh – also bereits im Kindes- bzw. Jugendalter – einsetzenden psychiatrischen und psychotherapeutischen Beratung und Begleitung transidenter Menschen. In diesen Fällen erfolgt auch eine entsprechende Einbindung der Eltern. Interessant war hierbei der Hinweis von Dr. Szukaj, dass für viele von ihm behandelte transgeschlechtliche Menschen der Glaube durchaus eine große Rolle spiele und viele von ihnen im weiteren Verlauf im wahrsten Sinne des Wortes zum Glauben zurückfänden. 

v.l.n.r.: Prof. Dr. Judith Könemann, Felix Adrian Schäper – Foto CC: Bistumspressestelle Münster, Ann-Christin Ladermann

Sozusagen „aus erster Hand“ untermauerte Felix Adrian Schäper diese Einblicke in anschaulicher Weise, indem er als Transmann über seine eigenen Erfahrungen sowie die ebenfalls von einer bereits im ganz frühen Kindesalter verspürte Selbstwahrnehmung als Junge in einem Mädchenkörper und die zunehmend damit einhergehenden Seelenqualen berichtete. Bestätigt haben sich laut Aussage von Felix Adrian Schäper diese Erfahrungen auch im Zuge seiner Beratungstätigkeit für Transmenschen, die von sehr ähnlichen Erlebnissen seit früher Kindheit und von den aus Stigmatisierung und Diskriminierung resultierenden Ängsten, Depressionen und Suizidgedanken erzählen. So kam auch mehrfach der zunehmende Bedarf an fachärztlicher und psychotherapeutischer Unterstützung und weiteren Begleitungsangeboten zu Sprache, die inzwischen in verstärkter Weise und auch in einem tendenziell früheren Alter der „Betroffenen“ in Anspruch genommen werden. Als zutiefst leidvoll erlebte Felix Adrian Schäper außerdem das Gefühl, als Transmensch für die (Amts-)Kirche schlichtweg nicht existent zu sein.

Leidenschaftlich und zugleich sachlich wurde natürlich auch die Frage der Haltung der römisch-katholischen Kirche in dieser Hinsicht diskutiert. Hier gab zunächst Frau Prof. Dr. Könemann einen Überblick über die Einordnung und Bewertung des Phänomens der Transgeschlechtlichkeit aus Sicht der römisch-katholischen Lehre. Dabei kam klar zum Ausdruck, dass Genderverhältnisse im gesamten kirchlichen Denken immer noch vom Ansatz der Binärität, also der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau mit einer auf Nachkommenschaft angelegten Wesens-Essenz, geprägt sind. Demnach sei nach kirchlicher Lehre eine Änderung des biologischen Geschlechts nicht zulässig. Auch die Sakramentenlehre sei von dieser Haltung geprägt, so dass sich für Transmenschen beispielsweise bei der Frage nach der Möglichkeit einer Eheschließung enorme Hürden auftun. Allerdings zeigen sich laut Frau Prof. Dr. Könemann auch in der Amtskirche erste zaghafte Entwicklungen in Richtung einer zunehmenden Offenheit gegenüber Transmenschen. Zugleich wies sie auf die Notwendigkeit geänderter Rechtsverhältnisse hin, wenn es zm Beispiel um Tauferneuerung bzw. Transitionsgottesdienste für transidente Menschen geht.

v.l.n.r.: Iris Horstmann, Dr. Michael Szukaj – Foto CC: Bistumspressestelle Münster, Ann-Christin Ladermann

Iris Horstmann, die einen interessanten Einblick in ihre Arbeit als Diversitätsbeauftragte des Bistums Münster vermittelte und in dieser Funktion seit rund 1,5 Jahren innerhalb des Bistums Ansprechpartnerin für queere Menschen ist, wies darauf hin, dass es durchaus Transmenschen gibt, die sich der Kirche verbunden fühlen und in kirchlichen Diensten tätig sein möchten. Laut ihrer Aussage wenden sich inzwischen sehr viele Menschen an die Diversitätsstelle. Iris Horstmann plädierte dabei für eine intensive und offene Kommunikation, die das A und O zum Abbau von Vorurteilen und Berührungsängsten gegenüber transgeschlechtlichen Mitmenschen sei. In dieser Hinsicht gehe es aber auch darum, kirchliche Mitarbeiter*innen im Sinne einer Prävention und Bekämpfung von Diskriminierung entsprechend zu schulen.

Als Fazit dieser hochinteressanten und lebhaften Podiumsdiskussion lässt sich feststellen, dass ein sehr hoher Bedarf an Beratung für Transmenschen besteht, der noch weiter zunimmt und dem man mit entsprechenden Beratungs- und Begleitungsangeboten – zu den bereits bestehenden – begegnen muss.

Vor allem gilt es aber auch, dass die Kirche sich gegenüber den Belangen und Sorgen transgeschlechtlicher Menschen öffnet und hier nicht nur Toleranz zeigt, sondern eine echte Kultur des Willkommenseins und der Annahme aller Menschen entwickelt und pflegt.

Zum Abschluss des Abends erhielten alle Podiumsgäste eine Flasche Pride-Wein sowie eine von Ralf Ilgemann vom Café Classique eigens gefertigte Schokoladen-Leckerei (vielen Dank auch dafür!) als Dankeschön für ihr Mitwirken.

Ein herzlicher Dank geht aber auch an Jan Baumann für die überaus souverän geführte Moderation des Abends, an Burkhard Lücking für die technische Unterstützung, an das Bistum Münster für die Bereitstellung der technischen Voraussetzungen zur Übertragung der Veranstaltung im Live-Stream und an alle Helfer*innen, die im Vorfeld und am Veranstaltungstag selber diese gelungene Podiumsdiskussion vorbereitet und ermöglicht haben.

Nicht zuletzt gilt das Dankeschön aber auch allen interessierten Besucher*innen, die entweder live oder im Internet die Veranstaltung verfolgt und durch ihre Publikumsfragen zusätzlich bereichert haben.

Im direkten Anschluss bestand noch die Möglichkeit des Austausches mit den Experten*innen im Rahmen eines informellen Zusammenkommens im Pfarrheim. Und hiervon wurde auch reger Gebrauch gemacht!

Video CC: Bistumspressestelle Münster, auf der YouTube-Seite des Bistum Münsters

Die Aufzeichnung der Podiumsdiskussion steht im Übrigen im Internet für unbegrenzte Zeit über Youtube unter dem Link https://www.youtube.com/watch?v=NIPdS16FQng zum Nachschauen zur Verfügung.

/tr